In der Denkfabrik brennt noch Licht

Veröffentlicht am 20.11.2018 in Bundespolitik
 

Die SPD gibt sich nicht verloren und bietet der Basis mit dem Debattencamp eine Plattform, ihre Volkspartei von morgen zu gestalten.

 

Von Jonas Uhrig

 

Manche Situationen des Lebens entbehren nicht einer gewissen Sinnbildlichkeit. Der Himmel über Berlin am Morgen des 10. Novembers 2018 ist grau, als die Parteibasis über das unwegsame Gelände zum Veranstaltungsort pilgert. Kein aufpolierter Glaskasten, kein Prunk – Dafür viel sozialdemokratische Energie: Eine alte Fabrikhalle mit wechselhafter Geschichte ragt in diesen noch jungen Tag. Vor der Halle stehen die altbekannten drei roten Buchstaben, welche das beliebteste Selfieobjekt dieses Wochenendes werden sollten.

Das Scheinwerferlicht wirft in Rot und Lila große Herzen, Sterne, Blitze, Sprechblasen und Wolken an die von abblätternder Farbe raue Fabrikdecke in Berlin-Köpenick. Viel Liebe empfinden die Genoss*innen für die gewählte Location, bringen große Hoffnungen gepaart mit Enttäuschung und Wut mit an die Thementische. Schon bei den Eingangsworten von Andrea Nahles und Lars Klingbeil wird deutlich: Die SPD wagt ein Experiment und ist sich auch dessen bewusst, dass es viel Energie beinhaltet, die es in die richtigen Bahnen zu lenken gilt. Über 3.000 Menschen stehen kurz davor, in den Themenfeldern Europa und die Welt, Beschäftigung, Erneuerung der Partei und der Grundsicherung von Kindern in Deutschland endlich ihre Argumente und Eindrücke zu Wort zu bringen.

Die Parteichefin selbst wird im Folgenden an zahlreichen Gesprächsrunden teilnehmen und aufs Neue beweisen, dass sie den direkten Kontakt zur Basis bei aller Kritik nicht scheut. Viel mehr noch: Sie sucht ihn regelrecht. Schon zu Beginn ruft sie ein kräftiges „Arsch huh, Zäng ussenander!“ mit rheinischem Lokalkolorit in die staubige Halle und erntet großen Applaus der Genoss*innen. In der vergangenen Wochen war bis zur absoluten Ermüdung über Personalia diskutiert worden, sodass sich die Teilnehmenden schnell einig wurden: Hier soll es um die inhaltliche Erneuerung der Partei gehen. Keine Lust mehr auf die persönlichen Angriffe, die immer gleiche phrasenhafte Sprache. Das eigens minuziös vorbereitete Bullshitbingo sollte hierfür als Kontrolle fungieren. Am Ende des Wochenendes wird kein einziger Treffer im Phrasenlexikon zu verzeichnen sein.

Die über 60 Gesprächsforen sind an diesem Wochenende mit ihren Papphockern, Flipcharts und Podien das Epizentrum der Zukunftsdebatten über Digitalisierung, Europapolitik, den starken Sozialstaat und die Zukunft von Hartz IV. Das letztgenannte Themenfeld verspricht bereits im Vorhinein eine gewisse Grundlautstärke und Brisanz, welche sich im Folgenden bewahrheiten wird. Die SPD ringt, streitet und formuliert die Sehnsucht vieler in einem Satz: „Wir werden Hartz IV hinter uns lassen.“ Wer hierbei an schmalspurige Reformen statt der Erarbeitung eines neuen sozialstaatlichen Konzepts denkt, irrt völlig. Die SPD in Person des eigenen Parteivorstands ist bereit, sich nicht im neoliberalen Irrweg verlorenzugeben, sondern wieder ein eigenes klares Profil zu entwickeln. Links, weiblicher und vielfältiger – Was auf der Rednerliste und der Zusammensetzung der Podien beginnt, mündet in den Wunsch, eine pluraler werdende Gesellschaft als Volkspartei abbilden zu können. Auch die Wichtigkeit der kommenden Europawahlen im Angesicht spalterischer Kräfte innerhalb und außerhalb des Kontinents manifestiert sich am tosenden Applaus für Katarina Barley, welche als Spitzenkandidatin der Sozialdemokratie entscheidende Monate eines Wahlkampfs, der kaum wichtiger für die Bürger*innen der europäischen Familie sein könnte, vor sich hat.

Die Verunsicherung durch Misstöne der Koalition scheint jedoch bei aller Selbstfindung nicht so recht aus den Gliedern der Genoss*innen weichen zu wollen. Nach der Arbeit folgt am Abend des ersten Tages sinngemäß das Vergnügen, welches auf der eilig freigeräumten Tanzfläche nicht wirklich aufkommen mag. Bei aller Selbstfindung wartet eben noch der deutlich schwierigere Teil dieses Wochenendes auf die Basis: Das hier Besprochene an diejenigen weiterzutragen, die sich eine wiedererstarkende Sozialdemokratie in Deutschland sehnlichst wünschen. Zu groß ist die Sorge, dass diese unkonventionelle und dadurch umso gelungenere Veranstaltung als Aufbruchssignal in den Wirren des politischen Berlins zu verhallen droht.

Die Schlusskundgebung des Sonntagmittags ist deshalb mehr als eine Durchhalteparole. Andrea Nahles ruft die Genoss*innen dazu auf, den positiven Geist der alten Hallen von Köpenick mitzunehmen und von der SPD als neue Denkfabrik mit der großen Gesichte zu erzählen, die es wieder schafft, progressive Kräfte in ihren Hallen zu bündeln. Es brennt noch Licht in den alten Gemäuern. Oder brennt es wieder?

 

INFO

Die SPD Essen-Rüttenscheid war in Person ihrer Vorsitzenden Julia Klewin und des Beisitzers Jonas Uhrig beim SPD Debattencamp in Berlin vertreten. Unter Anderem haben wir die erste Kooperation zweier Ortsvereine besiegeln und den anwesenden Genoss*innen ein Beispiel liefern können, wie die Vernetzung und Zusammenarbeit von SPD-Ortsvereinen gelingen kann. Wir freuen uns auf die Partnerschaft mit der SPD Martinsviertel-Johannesviertel in Darmstadt und den regen Austausch mit den neu gewonnenen Parteifreund*innen.

 

Im Humor längst vereint: Alexander Kerkhoff (SPD Darmstadt Martinsviertel-Johannesviertel), Julia Klewin und Jonas Uhrig in der allseits beliebten Fotobox auf dem #SPDDC

 

Alle Termine öffnen.

11.12.2019, 19:30 Uhr Alles bleibt neu? Diskussionsabend nach dem #SPDbpt19

SPD AG 60 plus Unterbezirk Essen

http://www.spdag60plusessen.de/